Gesunde Eschen
Es ist Mitte Juni, 8:00 Uhr am Mittwochmorgen und schon mollige 25 Grad warm. Kurz vor der Mecklenburgischen Schweiz, zwischen Malchin und Waren, geht Sonderbares vor. Ich treffe meinen Kollegen Andreas Ehlert, seines Zeichens Revierförster. Auf einer Fläche von fast zehn Fußballfeldern, sieben Hektar, weiht er mich in die Geheimnisse einer ganz besonderen forstlichen Versuchsfläche der Landesforstverwaltung Mecklenburg-Vorpommern ein.
In der heißen Sonne am Rand des idyllischen Örtchens Tressow ist die Fläche voller bunter Mohn- und Kornblumen, saftigem Weißklee und wunderschönen Gräsern. Herrlich sieht es aus, sommerlich, fröhlich und vielfältig. Auch die Bienen, Schwebfliegen und Schmetterlinge empfinden das so und genießen die botanischen Kostbarkeiten. „Das ist alles sehr schön und sehr gut“, denke ich mir, „aber wo ist jetzt die forstliche Versuchsfläche? Wo sind denn hier die Bäume?“ Ein zweiter und genauerer Blick löst das Rätsel auf: Reihenweise junge Gemeine Eschen (Fraxinus excelsior L.) sind der eigentliche Schatz dieses Areals. Von meinen Kollegen in mühevoller Arbeit gepflanzt, regelmäßig kontrolliert, gepflegt und bewässert stehen sie da, die 1.400 Hoffnungsträger des Eschenanbaus in Mecklenburg-Vorpommern. Denn ein kleiner Pilz macht der Baumart seit Jahren extrem zu schaffen (s. Hintergrund).
Während Andreas mir auf der Fläche alles zeigt und die Inhalte des Projekts Res-Esche erklärt, stellt Weimaraner-Hündin Amsel fest, dass das Wildmanagement hier gut funktioniert und für sie leider keine Kaninchen zum Jagen da sind. Aber dazu später mehr.

Die Esche prägt nicht nur das Waldbild oder bietet Tieren und Pflanzen einen Lebensraum. Sie ist auch aus forstwirtschaftlicher Sicht besonders wertvoll: sie ist biegsam und strapazierfähig – Eigenschaften, die für die Herstellung von Parkett, Dielen oder Musikinstrumenten genauso wichtig sind wie für die Produktion gebogener Möbel und von Gegenständen wie Stühlen, Skiern oder Barren. Durch ihre attraktive Optik ist die Esche außerdem als Furnierholz hochgeschätzt.

Um ihre Zukunft in Mecklenburg-Vorpommern zu sichern, wurde 2016 (bis 2021) das Forschungsprojekt Res-Esche ins Lebens gerufen. Das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) geförderte Forschungsvorhaben war ein gemeinsames Projekt zwischen dem Thünen-Institut für Forstgenetik in Brandenburg, der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. und der Landesforstverwaltung Mecklenburg-Vorpommern. Die Leitung des Projektes übernahm Herr Dr. Röhe (Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung MV), während die praktische Umsetzung durch das Thünen-Institut für Forstgenetik sowie das Forstliche Versuchswesen der Landesforst MV erfolgte.
Marco Schrade, Mitarbeiter der Landesforst MV, suchte zwei Jahre lang mit der Unterstützung vieler Förster resistente Eschenbäume: Im ganzen Land wurden 150 resistente Exemplare gefunden. Zweijährige Triebe dieser Bäume wurden entnommen und auf Eschenunterlagen aufgepfropft. Anschließend wurden die 1.400 so entstandenen Pfropflinge ein Jahr lang in einem Gewächshaus des Thünen-Instituts dem Falschen Weißen Stängelbecherchen ausgesetzt. Die „Crème de la Résistance“, Bäumchen, die diese Behandlung gut überstanden, konnten nun ins Freiland ausgebracht werden. Und damit sind wir wieder vor Ort auf der Versuchsfläche in Tressow.
Hier kann ich das Ziel des Forschungsprojektes bewundern: eine hoch resistente Eschen-Samenplantage. Wobei es sich botanisch betrachtet strenggenommen um Nussfrüchte handelt. Diese soll die Quelle einer neuen Generation widerstandsfähiger, genetisch breitaufgestellter Eschen für Mecklenburg-Vorpommern sein. Die 2019 gepflanzten Bäume, die alle einen Kennungszettel mit ihrer Herkunft (Forstamt und Revier) haben, brauchen jedoch noch etwa sieben bis zehn Jahre, bis sie fruktifizieren und geerntet werden kann.
Bis dahin heißt es für meine Kolleg*innen aus dem Forstamt weiterhin: Obacht! Zwei Mal im Monat kontrolliert Andreas Ehlert die Versuchsfläche. Was macht der Austrieb? Gibt es Frostschäden? Welcher Baumschutz eignet sich am besten? Wann muss bewässert werden? Wann muss gepflegt werden? Ist der Zaun intakt? Funktioniert das Wildmanagement? Ist der Ligusterspinner oder die Eschenzwieselmotte da? Müssen Bäume ausgetauscht werden? Alles wird feinsäuberlich dokumentiert. Die Fläche ist aufgeteilt, erzählt mir Andreas. Ein Teil der Fläche dient der Gewinnung von Saatgut, der andere Teil besteht aus „Reserve-Eschen“. Für den Fall, dass Bäume abgängig sind, kann nachgepflanzt werden. Die Reihen sind so angelegt, dass die Forstwirt*innen mit der Egge die Verdämmung durch krautige Pflanzen, Mäuseburgen und Mäusegänge beseitigen können, ohne die Eschen zu beschädigen. Zur Einschränkung von Mäuse-, Kaninchen- und Hasenzahlen, die allesamt besonders gerne kleine Eschen vernaschen, holen sich die Kolleg*innen tierische Unterstützung: Alle paar Meter stehen große Sitzkrücken für Greifvögel, im Zaun gibt es Fuchsdurchlässe.
Hintergrund
Bereits Ende der 1970er Jahre gelangte das Falsche Weiße Stängelbecherchen (Hymenoscyphus fraxineus
(T. Kowalski) Baral, Queloz, Hosoya), ein Echter Schlauchpilz, durch Lebensmittel- und Futtermitteltransporte von Asien nach Europa. Der hübsche Pilz ist für die Gemeine Esche leider gar nicht niedlich. Durch seine schnelle Ausbreitung konnten sich die Bäume nicht an ihn anpassen und starben und sterben reihenweise.
Das Pilzchen lebt auf jungen Trieben im Kronenbereich und verursacht durch das sogenannte Eschentriebsterben den Tod ganzer Eschenbäume und -wälder. Seit 2002 kommt er auch in Mecklenburg-Vorpommern vor, seit 2005 herrscht Anbauverbot. Dennoch konnte der Pilz bis 2013, also innerhalb von zehn Jahren (!), 70 % aller Eschenbestände im Land schädigen oder zerstören. Nachteilig für die Eschen wirk(t)en sich dabei zusätzlich verschiedene Witterungsfaktoren in den letzten Jahren aus: das empfindliche Edellaubholz wurde durch die geringen Niederschläge, die milden Winter und Dürresommer sowie Spätfröste geschwächt, ganz zum Vorteil des pilzigen Schwächeparasits.
Autorin: Helen Andrews