Fachexkursion ResEsche

Die „Crème de la Résistance“ im Freiland – resistentes Eschensaatgut in Sicht?

Etwa zwei Jahre nach meinem ersten Besuch (Gesunde Eschen - Wald-MV) bin ich wieder da, auf der Versuchsfläche des Forschungsprojektes ResEsche. Dort wird seit 2016 gegen das Falsche Weiße Stängelbecherchen – der hübsche Schlauchpilz sorgt seit Jahrzehnten für das Absterben der Gemeinen Esche (Fraxinus excelsior L.) in Europa – die Erzeugung von resistentem Eschensaatgut erforscht. Einige Dinge sind gleichgeblieben: der Ort Tressow, der Wochentag Mittwoch und die Bedeutung der Fläche. Andere haben sich verändert: die Temperatur auf windige 16° Grad, die Anzahl an Menschen und Hunde auf rund 30 + 3 und das Alter der Eschen um etwa zwei Jahre.
Was für mich ein interessanter Einblick in die wichtige Arbeit meiner Kollegen und eine nette Abwechslung zu meiner Schreibtischarbeit ist, ist für Dr. Peter Röhe (ehemaliger Referatsleiter für Waldbau im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt M-V) eine Herzensangelegenheit. Heute zeigt er die ersten Früchte der jahrelangen Zusammenarbeit zwischen dem Thünen-Institut für Forstgenetik, der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. und der Landesforstverwaltung Mecklenburg-Vorpommern. Eingebettet in ein vergnügliches Rahmenprogramm ist die Besichtigung der Versuchsfläche in Tressow das fachliche Highlight des Betriebsausfluges der Mitarbeitenden beider Standorte (Großhansdorf und Waldsieversdorf) des Thünen Institutes für Forstgenetik. Dr. Röhe erzählt seinem aufmerksamen Publikum von der Entstehung, Umsetzung und dem Ziel des Projektes. Dass ich es mit Fachleuten zu tun habe, merke ich daran, dass die Fragen teilweise sehr spezifisch und voller (für mich) neuer Vokabeln sind. Dr. Röhe kann sämtliche Fragen, und davon gibt es einige, verständlich und konkret beantworten. Von Epigenetik über Klone bis hin zu Unterlagenauswahl und Statistik: das ist Wissensdurst und Wissenschaft pur, ich bin beeindruckt.
Dr. Röhe erzählt, dass die Anlage der Plantage von 2019 bis 2021 auf einer 6,7 ha großen ehemaligen Ackerfläche erfolgte. Das Areal, in etwa so groß wie 10 Fußballfelder, weist einen Boden der Stufe „Reich“ auf. Das heißt, dass er sehr gut für die Produktion von Eschen-Saatgut geeignet ist. Die Fläche liegt weit weg von anderen Waldflächen um Fremdbestäubung zu vermeiden. In 31 Reihen stehen die drei- bis fünfjährigen Eschen, deren Mutterbäume (Genotypen) aus Mecklenburg-Vorpommern stammen. Insgesamt 1159 Pflanzen von 126 Genotypen wachsen auf der Fläche, je Genotyp also etwa neun. Die gepflanzten Pfropflinge haben sich gut entwickelt, berichtet Dr. Röhe, auch wenn bisher 9% aufgrund von Spätfrost oder Dürre bisher nachgepflanzt werden mussten. In weiser Voraussicht wurde für solche Fälle auf der Fläche ein botanisches Archiv mit ‚Ersatzpflanzen‘ angelegt.
Leider zeigen manche Jungeschen gewisse Symptome des Eschentriebsterbens, vor allem Blattnekrosen, gelegentlich auch Triebinfektionen, was bedeutet, dass resistente Pflanzen nicht immer völlig frei von Befall oder Schäden sein müssen. Um das Resistenzpotential der Hoffnungsträger gegenüber dem Pilzbefall sicher beurteilen zu können, soll das Monitoring, u. a. vor dem Hintergrund folgender Fragen, noch fünf bis zehn Jahre fortgeführt werden: Wann muss eine Esche ausgetauscht werden? Welche Schadbilder sind wirtschaftlich vertretbar? Was bedeutet Resistenz konkret im Hinblick auf das Projektziel?
Bei günstiger Entwicklung ist mit der Ernte von Saatgut für neue gesunde Eschengenerationen aus der ResEsche-Versuchsfläche in 10 bis 20 Jahren möglich. Bis dahin wird die Samenplantage weiterhin durch das Forstlichen Versuchswesen der Landesforstanstalt M-V wissenschaftlich betreut. Aktuell wird geprüft, das Projekt ResEsche in ein bundesweites Förderprojekt zum Erhalt der Esche einzubinden.
Und warum das alles?
Die Gemeine Esche prägt nicht nur das Waldbild oder bietet Tieren und Pflanzen einen Lebensraum. Sie ist auch aus forstwirtschaftlicher Sicht besonders wertvoll. Sie ist biegsam und strapazierfähig: Eigenschaften, die für die Herstellung von Parkett, Dielen oder Musikinstrumenten genauso wichtig sind, wie für die Produktion gebogener Möbel und von Gegenständen wie Stühlen, Skiern oder Barren. Durch ihr ansprechendes Aussehen ist die Esche außerdem als Furnierholz hochgeschätzt.
In den 1990er Jahren begann das sogenannte Eschentriebsterben, verursacht durch das aus Ostasien nach Europa (Polen) eingeschleppte Falsche Weiße Stängelbecherchen. 2002 wurde der Pilz erstmals in Vorpommern und damit in Deutschland nachgewiesen. Wenige Jahrzehnte später waren bereits etwa zwei Drittel der Eschen in Mecklenburg-Vorpommern abgestorben. Hier wird die Esche wegen ihrer oben genannten positiven ökologischen Eigenschaften und ihres wertvollen Holzes als Baumart, die die vielen nährstoffreichen Nassstandorte toleriert bzw. sogar braucht, sehr geschätzt.
Es heißt für meine Kollegen also weiterhin: Obacht! Für Revierförster Andreas Ehlert bleiben die 14-tägigen Kontrollen und die Dokumentation auf der Versuchsfläche. Daraus ergeben sich weiterhin die wichtigen Pflegearbeiten für die Forstwirte. Dr. Röhe und das Team aus dem Versuchswesen kümmern sich indes auch künftig um die Forschung und Auswertung der Daten. Und für mich geht wieder ein lehrreicher Vormittag mit spannenden Einblicken in die Geheimnisse der Forstwissenschaft und Forstwirtschaft zu Ende.
Autorin: Helen Andrews